Mein Herz

Von Izabela Becker

 

Halb versunken in der Stille der Nacht schwebt mein Herz heute über meinem Kopf und fragt sich wie ich das nur mache. Warum hab ich es verlassen? Wie lebe ich denn ohne? Was mache ich, wenn es nicht bei mir ist? Ob ich es wohl vermisse? Denke ich noch an mein Herz, das weit weg, verschollen, einsam, verloren in den Wolken auf mich herabblickt? Es macht sich Sorgen um mich. Es hat noch nicht vergessen. Ja, es erinnert sich noch an die freudvollen Tage, als wir zusammen waren, innig, geborgen, eins. Da haben wir gelebt, da waren wir glücklich. Ob ich jetzt auch glücklich bin? fragt sich mein Herz. Ob ich mich jetzt geborgen fühle? Was für eine dumme Idee, denkt es dann weiter. Wie kann sie sich glücklich fühlen, wo ich doch nicht mehr da bin. War ich nicht ihr Herz? 

Aber dann wieder hat es Bedenken. Es erinnert sich weiter. Erinnert sich an die Zeit, wo es anfing, wo ich anfing, mich meines Verstandes zu bedienen in Hoffnung, irgendeinen Plan, den er hatte, zu erfüllen. Es weiß noch, wie sehr es sich fürchtete, dass ich es nicht mehr wollte, sich aber damit tröstete, dass ich es noch nie hatte im Stich gelassen. Und dann sagte es sich: Das macht sie nicht, sie braucht mich.

In der ersten Zeit waren die Bedenken noch nicht so groß. Mein Herz war nicht traurig, wenn ich mehr Zeit bei meinem Verstand verbrachte, als bei ihm. Ja, es sah mich ja noch und das machte mein Herz sehr glücklich. Ich glaube es sehnte sich oft nach mir, sagte aber nichts und ich fragte nicht danach. Ich weiß nicht warum, mein Verstand fragte mich auch nicht. Er war ja zufrieden. Ich gebrauchte ihn gut und weise. Ich war bei ihm, so oft es ging und fragte ihn um Rat. Zwar gab er nie zu, dass er dankbar oder glücklich war, aber kein Verstand besitzt diese Gabe. Es ist ja auch nur ein Verstand. Ein Verstand. Ein Herz. Ich.

Denkt sie an mich? Ich glaube sie hatte mich mal lieb, hofft mein Herz. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das, was mein Verstand mir sagt, und er ist sehr wortkarg und spricht nur das Nötigste heutzutage. Ich erinnere mich aber wage, dass dies mal anders war. Als ich mich von meinem Herz distanzierte, sprach ich viel mit meinem Verstand. So viele Worte, so viele gewichtige Worte. Ich glaubte er wüsste, was ich brauchte, immerhin hatte ich es nicht mehr gewusst und mein Herz, das hatte mich auch enttäuscht. Natürlich habe ich es ihm nie gesagt, aber ich glaube es hatte es gespürt. Herzen können das. Herzen spüren so viel, viel mehr als wir einfachen Seelen. Und ich glaube das hat mich damals sehr wütend gemacht. Wütend, ja, und eifersüchtig. Es spürte so viel besser was ich brauchte, als ich es fühlte. Es spürte einfach alles besser. Der Verstand hingegen, der fühlte nichts, hatte nur Sinn für den rationalen Gedanken. Das war vielleicht befreiend! Ich glaube ich glaubte damals, dass es gut war, dem Verstand zu folgen, um mein Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Ja, ich glaubte, das Herz stünde mir im Weg, hatte es mich doch dieses Mal so mächtig enttäuscht.

Denkt sie noch an mich? fragt sich mein Herz. Hat sie mich noch lieb? Ich denk an dich. Ich weiß aber nicht mehr, was das ist, dieses Gefühl: lieb haben. Mein Verstand meint über die Gefühle sie würden die Herzen ausmacht. Näher erläutern konnte er es nicht. Ja, er ist nur ein Verstand, die wissen nichts über Gefühle. Ich aber auch nicht. Ich weiß nichts mehr über Gefühle. Nein, ich weiß nicht mehr wie sich das anfühlt: lieb haben. Ich weiß nun einmal nur noch das, was ich weiß, und das wird auch immer weniger, seit der Verstand sich rar macht.

Ich erinnere mich wage, dass mein Herz mich einst vor ihm gewarnt hatte. Es sagte, es spüre, dass er mir nicht gut tue. Gut tun. Ich habe ihm damals nicht geglaubt. Wie auch? Was weiß ein Herz denn schon, dass dich enttäuscht? Was weiß ein Herz schon, das sich nach Gefühlen richtet? Was weiß ein Gefühl schon, dem man nicht mehr traut?

Hat sie mich schon vergessen? fragt sich mein Herz. Hat sie keine Sehnsucht mehr nach mir? Will sie mich nicht mehr? Nein, ich habe dich nicht vergessen. Habe ich Sehnsucht? Ich weiß nicht was das ist. Will ich dich? Es gibt keinen rationalen Grund, warum ich dich haben wollen würde. 

Ist sie glücklich? fragt sich mein Herz. Glücklich ist ein Gefühl, kann ich nur antworten, und Gefühle, sind etwas, was nur Herzen ausmachen. Was Herzen ausmachen. Aus machen. Aus? Also zunichte? Also synonym für Ende, Schluss, Ziel, Finitum, Abschluss. Ab-schluss. Abgeschlossen. Eingesperrt. Zugesperrt. Abgesperrt. Weggesperrt. Mein Herz, bist du nun weggesperrt? Bist du nun am Ende? Bist du nun aus gemacht worden?

Hat sie mich vergessen? fragt mein Herz.  Fühlt sie sich geborgen? Ich habe dich nicht vergessen. Geborgen? Ich kenne das Gefühl nicht. Ich weiß, was das ist, etwas zu borgen. Also von jemandem etwas zu nehmen, aber geborgen? Also, aufgefangen, also behütet, beschützt, also sicher. Sicher? Ich bin zufrieden, sagt mein Verstand. Er ist zufrieden. Bin ich zufrieden? Mein Verstand sagt ja, dann wird das wohl stimmen.

Hat sie mich vergessen? fragt sich mein Herz. War ich nicht ihr Herz? War ich ihr nicht wichtig? Ich habe dich nicht vergessen, mein Herz. Mein Herz, ja, meins. Du warst mein Herz. Warst du mir wichtig? Ich weiß es nicht mehr. Wichtig. Synonym für bedeutend, elementar, essenziell, gewichtig. Gewichtig, Gewicht, Last.

Bin ich ihr zur Last geworden? fragt sich mein Herz. Ist es mir zur Last geworden? frage ich meinen Verstand. Bist du mir zur Last geworden? frage ich. Und alle drei antworten wir im Chor: „Ich weiß es nicht.“