Höhenflug

Ich wanderte durch die Stadt, ich sah blaue und rote Lichter und folgte ihnen. Ja, ich konnte Gottes Stimme hören, als ich so durch die Gegend ging und seinen Zeichen folgte. Ich war wie berührt davon, so besänftigt, so klar. Als würde er mich führen, zu meiner Liebe hin. Mein ganzes Leben ergab einen Sinn, meine ganzen Qualen, ich wusste nun endlich wer es mir so schwer gemacht hatte und warum. Was mir im Leben angetan wurde. Ich war die Tochter eines reichen jüdischen Mannes, die Erbin eines großen Vermögens. Ich war die, die alles Leid der Welt in sich trug und die auch die Wiedergutmachung erlebte, die sie erleben sollte. Ich war auserwählt, ich war erleuchtet, ich war sicher. Und alle wussten Bescheid, alle Engel und Heiligen. Ich hatte so viel Schutz und Trost. In meinem Kopf ergab das alles so viel Sinn, ich stand genau richtig, an dem Platz wo ich stehen sollte. Ich durfte mir alle Reichtümer der Welt aussuchen, aber ich wollte alles was ich habe den Armen spenden. Und ich wollte mich auch an denen rächen, die mir geschadet haben. Indem ich ihnen nichts gebe und sie ausschließe. Nur so, aber dafür komplett. Ich war mir so sicher, dass Gott noch einen Plan für mich hatte, er fand mich besonders, er fand mich einzigartig. Und er wählte mich, um Jesu Werk zu vollenden. Und obwohl ich mich dazu nicht bereit fühlte, spürte ich doch, dass ich keine Wahl hatte. Ich musste die ausgleichende Gerechtigkeit in die Welt tragen, hatte Gott mich doch dafür bestimmt. Er war so stolz auf mich, er liebte mich, er verstand mich. Und das war es was ich immer von ihm wollte: verstanden werden. Er vertraute mir und gab mir Kräfte, die es mir möglich machen sollten eine Rede an die Nation zu halten und die Religionen abzuschaffen, weil sie alle nichts taugten. Gott wollte Frieden, keinen Kampf um ihn. Und er wollte Gleichheit schaffen unter den Menschen, mit meiner Hilfe. Ich wusste das. Er gab mir Zeichen, kleine versteckte Botschaften in Zeitungen, in Prospekten, in Plakaten. Die Mannschaft der Engel stand eindeutig hinter mir. Ich habe in so vielen Menschen Engel gesehen. Sie halfen mir, standen mir bei. Und ich fühlte diese unglaubliche Dankbarkeit und Güte, diese Stimmung war berauschend. Mein Horizont war erweitert, ich war berührt, bewegt, ekstatisch. Ich spürte dieses Kribbeln in mir, diese Anspannung, dass ich was besonderes leisten würde. Verdammt, ich war mir so sicher, dass es einen Gott gibt und Engel, und Auserwählte und Zeichen.

Und dann kam der Bruch, man beschränkte mein Gehirn wieder mit Medikamenten. Man schaffte mich zurück in die Normalität. Man nahm mir mein Glück und die Liebe Gottes und gab mir zurück was ich nicht haben wollte: Realitätssinn. Ich wehrte mich, aber sie ließen nicht locker. Drohten mir damit mich anzubinden, wenn ich die Bewusstsein stabilisierenden Drogen nicht nehmen würde. Ihr Ziel war es, dass ich wieder so werde wie ich war, was ich wollte, danach wurde ich nicht gefragt. Will man denn nach solch einem Erlebnis wieder so sein wie man davor war? Und kann man das überhaupt? Ich fühle mich innerlich leer, obwohl alles so läuft wie sie es haben wollen. Ich entspreche der Norm wieder und nehme ihre Medikamente ja. Und mittlerweile würde ich auch sagen, dass es schon okay so ist. Doch ein gewisses wehleidiges Gefühl beschleicht mich hin und wieder dann doch noch, wenn ich daran denke wie ich war, wie ich bin, und wie ich nie wieder sein kann: Überglücklich. 

 

 

Depression

 

Du standest am Wegesrand im Wald deiner kühnsten Albträume und hast dich in dich selbst hineinversetzt. Dunkelheit um dich herum, eine Stimme aus der Ferne, die winselnd nach dir ruft. Und diese grausame Furcht vor dem Licht des Morgens, da du nicht weißt wie du weitergehen sollst. So verloren bist du gewesen, so unglaublich angstbefallen und einsam. Und du hast dich gefragt wann es aufhört, wie sie es sagen. Du wusstest, dass sie sonst auch immer recht hatten, dass diese innere Finsternis aufhören sollte, aber du selbst konntest es nicht mehr fühlen. Alles tat so sehr weh, du wolltest dich nicht bewegen, nur noch liegen und sterben, denn dieser Hölle wolltest du nicht länger ausgesetzt bleiben. Und es wurde noch finsterer, noch unbehaglicher, noch düsterer. Die Nacht nahm dich und deine Gedanken gefangen, du hast keine Hoffnung mehr gehabt. Dieser unermessliche Schmerz auf der Brust und diese unglaubliche Last auf den Schultern, die dich auf die Knie zwang. Nichts konnte dem entgegen gestellt werden. Dieses Leben- wovon sie sprachen- war es das, was du dir hättest herbeisehnen sollten? Zu welchem Zweck? Es war alles schon sinnlos. Die Tage und Wochen und Monate zogen nur so an dir vorbei, aber die Stunden waren endlos. In den Sonnenstunden warst du den Tränen nahe, in der Nacht hast du dich ausgeruht vom Weinen. Und keiner da, keiner bei dir, in dir, der dich hochhob. Du dachtest im Ernst du bleibst alleine im Wald, umgeben von Menschen, die nicht verstehen was du fühlst. Und immer diese Frage: Wird es aufhören? Und diese Antworten: Ja. Und du hast dich so beklemmt gefühlt, so hilflos, so nicht du selbst.Dir fehlte die Kraft und das Talent dich weiter zu bewegen, dir fehlte die Lust und der Antrieb und was am wichtigsten war: dir fehlte der Wille. Denn du wusstest einfach nicht wozu du weitergehen solltest. Was zum Teufel sollte denn auf dich warten? Alle meinten: Das Leben. Doch du konntest ihrer Vorstellung von Leben in diesem Schwebezustand nichts abgewinnen und konntest auch nicht wieder in deinen Urzustand zurückkehren. Du warst allein, ganz auf dich gestellt und ich glaube, so im Nachhinein, dass es auch diese Einsamkeit war, die dich weiterbrachte. Bei ihnen hattest du Angst vor dem Alleine sein, aber warst du es erstmal, musstest du im Wald zurecht kommen. Dein Überlebenswille schaltete sich ein. Du musstest essen, dich beschäftigen, dich einfach um dich kümmern. Und wer besser als du konnte wissen wie das gehen sollte? Nur du allein fandest die Antworten auf alle deine Fragen und das gab dir Energie. Wie in einer Kraftspirale schoss das zurück, was du investiert hast, du musstest nur erst die umzäunende Mauer durchbrechen, was hart war, keine Frage, aber du machtest es möglich. Der Wald erschien noch düster, aber du konntest dich in ihm orientieren und fandest bald einen Weg, um dich zu bewegen und zurecht zu kommen. Und auch vom Licht konntest du zerren. Du erfandest Aufgaben, fülltest den Tag mit ihnen, und du erkanntest, dass die Beschäftigung dir gut tut. Und so tatst du noch mehr. Manchmal verfielst du noch in alten Trott, aber du fandest schnell wieder zur neuen Vorgehensweise zurück. So begannst du nun durch den Wald zu streifen und nach Wegen zu suchen und nach etwas verstrichener Zeit fandest du sie auch. Immer mehr Orientierung führte dich zu einer Lichtung und von dort aus kanntest du den Weg, denn er führte direkt nach Hause. Ende.   

 

Talking

Sie traf ihn, einen von der besonderen Sorte Mann. Er war hingerissen von ihr, aber sie konnte ihm nicht sagen was sie seit Jahren quälte. Zwar spürte sie intuitiv, dass sie ihm vertrauen konnte, aber immer war da die Blockade und diese Angst im Nacken, dass etwas ganz arg schief gehen würde und so ließ sie locker, nahm Abstand von ihm und brach schließlich den Kontakt ab.

 

Er aber wiederum sah ihre Verzweiflung, sie wurde zu seiner. Irgendwie musste er sie erobern. Er konnte genau sehen wie sie litt und er wollte wissen was sie so zurückweichen ließ. Also holte er sich Rat bei ihrer Freundin und mit dem Gespräch kamen die Einsichten in ihre Seele. Dann fuhr er zu ihr.

 

Sie öffnete die Tür nur widerwillig, ließ ihn herein und hörte zu. Er sagte nicht viel, aber was er sagte machte Sinn. Er wollte aus ihrem Munde alles erfahren, wollte sie richtig kennen lernen, denn den Charakter kannte er schon, der gefiel ihm. Nun wollte er ihre Seele ergründen und bei ihr bleiben. Und sie, sie setzte sich neben ihn aufs Sofa, brach in Tränen aus, resignierte, und fing an zu erzählen.

 

Er war nicht geschockt, so viel wusste er. Er war viel mehr gefesselt von ihrer Offenheit und den Erlebnissen. Gebannt hörte er ihr zu und fragte nach, wenn es angebracht war. Als sie zum Ende kam, schauten beide auf die Uhr,es war Morgen. Sie hatten die ganze Nacht lang auf dem Sofa verbracht.

 

Nun war sie ausgelaugt und erleichtert. Aber damit einher kam die Angst und diese Stimme im Kopf die ihr sagte: Wozu hast dus ihm erzählt? Jetzt wird er dich verlassen. Sie schaute ihn an und schlug vor sich hinzulegen. Beide waren müde, sie ging ins Schlafzimmer und zu ihrer Verwunderung folgte er ihr. Sie legte sich aufs Bett.

 

Er hatte kein Problem damit sich neben sie zu legen. Dann bot er ihr seinen Arm an und sie schmiegte sich dankend an ihn. In diesem Moment dachte er kaum mehr. Er hatte sich bereits seine Gedanken gemacht. Ja, er hatte alles gehört, alles erfahren, alles verstanden über sie. Und er war sich ganz klar darüber: Diese Frau lasse ich nicht mehr los.

 

 

Das Fenster

Sie war erst drei Jahre alt, da ging ihr Vater fort. Das kleine Mädchen stand am Fenster, den wütenden Mann die Autotür zuschlagend, betrachtend. In ihr sammelten sich die Tränen, doch sie bevorzugte es nicht zu weinen. Statt dessen schaute sie ihre Mutter an und begriff sofort, dass sie nicht weinen durfte. Nein, sie musste stark sein, brav sein, lieb sein, musste der Mama nun beistehen, durfte nicht zeigen, dass sie traurig war. Und sie versprach sich, dass sie alles tun würde, damit es der Mama besser ginge.

 

Nach einer Weile kam der Vater zurück und bemerkte das Mädchen, das sich vom Sonnenschein, den er so lieb hatte, in ein verschrecktes Gänseblümchen verwandelt hatte. Dem Vater wurde schlecht vor Kummer. Die Mutter hingegen schien ziemlich zufrieden mit dem Kind, was den Vater wütend machte, hatte er in ihr doch bereits die Ursache der Veränderung seiner geliebten Tochter zu erkennen geglaubt.

 

Dann kam ein Streit nach dem anderen. Ihre Eltern beschimpften sich, fluchten, warfen mit Dingen nacheinander. Sie war traumatisiert. Hörte ständig ihren Namen, hörte, dass sie sich wegen ihr stritten. Das tat weh. Und dann dachte sie bei sich: Ich bin schuld. Ich bin wohl der schlimmste Mensch auf Erden. Meine armen Eltern! Was habe ich nur getan? Warum bin ich überhaupt hier? Ich muss jetzt so viel tun wie ich nur kann, damit ich das wieder gut mache! Und damit fing sie ab dem Zeitpunkt auch an. Mit nur drei Jahren beschloss das kleine Mädchen nichts, aber auch gar nichts unversucht zu lassen, um ihre Schuld wieder gut zu machen, um alle um sich herum glücklich zu sehen.

 

 

So zogen sich die Jahre, sie machte alles wahr, erledigte alles, bemerkte aber auch alles. Sie wollte es zunächst nicht wahrhaben, aber immer, wenn sie alleine war, kam eine Wut in ihr auf, die sie innerlich auffraß. Sie war wütend darauf, dass ihre Eltern nicht anerkannten was sie tat, sie war wütend darauf, dass sie nicht weinen durfte vor ihnen, weil ihr ihre Traurigkeit stets vorgehalten wurde. Und ihr wurde oft Angst und Bange, dass sie selbst die Verrückte sei und nicht ihre Eltern, die sich trotz der ganzen Unterstützung ständig weiter stritten, immer weiter in den Abgrund fielen und auch sie dorthin zu ziehen versuchten.